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Ausgewählter Test:
Review
  NEED FOR SPEED : SHIFT 2 UNLEASHED
  [ 360 / PC / PS3 ]   
NEED FOR SPEED : SHIFT 2 UNLEASHED Knapp ein halbes Jahr nach Veröffentlichung von 'Hot Pursuit' steht nun also ein weiterer Ableger der 'Need for Speed'-Reihe in den Regalen.

Mit 'Need for Speed: Shift 2 Unleashed' liegt nun, welch Überraschung, der direkte Nachfolger von 'Shift' vor. Also kein Arcarde-Rennspiel, sondern nach eigenem Anspruchsdenken des Publishers Electronic Arts eine Simulation, was auch vollmundig angepriesen wird: Vom "einzigen wirklich realistischen" bis hin zum "bisher fesselndsten Rennspiel überhaupt auf dem Markt" ist da die Rede, und "echtes Fahrerlebnis", sowie "bahnbrechend authentische" Rennerlebnisse werden versprochen. Man muss sich im Genre nicht besonders gut auskennen, um zu ahnen, dass mit diesen hochtrabenden Versprechungen ein direkter Überholversuch von 'Gran Turismo' gestartet wird. Ob der Überholvorgang gelungen ist oder im Kiesbett endet, wird man sehen. Den Ankündigungen zufolge wird man sich jedenfalls mit dem Konkurrenten messen lassen müssen.
Achtung: Die folgenden Bilder können Spoiler enthalten!
Zuerst fällt auf, dass sich die Fahrphysik deutlich von Sonys Referenz-Racer Gran Turismo 5 unterscheidet. Anfangs hat man noch das Gefühl auf Eis zu fahren und dabei rohe Eier zu balancieren. Selbst bei geraden Strecken muss man ständig korrigieren, da wirklich jede Bodenwelle eine direkte - wenngleich nicht immer sonderlich realistische - Reaktion des Fahrzeugs verursacht. Man sollte schon sehr feinfühlig fahren und die Bremspunkte präzise treffen, bevor sich der Spielspaß in vollem Maße einstellen kann. Hat man diese Hürde überwunden und beherrscht die Physik einigermaßen, steht man vor dem Problem der recht arcarde-lastigen Gegner-KI. Für eine Simulation ist diese recht fragwürdig. Abdrängen und Schieben gehört für die virtuellen Gegner zum alltäglichen Geschäft, was anfangs zu recht vielen Frustrationsmomenten führen kann. Hat man ein paar Plätze erobert, kann es durchaus passieren, dass einem der Gegner ungebremst ins Heck knallt und den eigenen Wagen zum Schleudern, wenn nicht sogar zum Drehen bringt. Wenn dann dummerweise eine Wand oder eine Bande im Weg steht und darüber hinaus das Schadensmodell nicht nur auf optisch geschaltet ist und das Fahrverhalten durch Defekte beeinträchtigt wird, kann man das Rennen eigentlich direkt neu starten.

Kitt: Super-Pursuit-Mode!
Überhaupt ist das Schadensmodell zwar recht nett anzusehen, aber nicht ausgereift oder gar realistisch. Es hat durchaus etwas Komisches, wenn die Motorhaube abfliegt oder der Rückspiegel verloren geht. Allerdings zeigen sich bei aktiviertem Schadensmodell erst dann Auswirkungen auf das Fahrverhalten, wenn die Achse bricht oder ein Rad verloren geht. Feinere Nuancen, beispielsweise bei beschädigten Aerodynamikteilen, wären hier durchaus wünschenswert gewesen. An manchen Stellen scheint die Physik in Bezug auf Schaden und Fahrbarkeit gänzlich zugunsten des Effekts vergessen. So bei folgender Situation: Brettert man volles Rohr über einen Hügel, hebt der Wagen ab und fliegt meterweit. Nicht nur, dass sich diese Stunteinlage - die in der Realität ein komplett kaltverformtes Vehikel zur Folge hätte - nicht aufs Material auswirkt, man kann sogar direkt beim Landen sauber runterbremsen, und der Wagen bricht nicht aus. Komischerweise muss man nach der nächsten Kurve wieder jedes Schlagloch durch Lenkkorrekturen ausgleichen, weil das Auto plötzlich wieder sensibel reagiert.
Richtig ärgerlich wird es bei den Drift-Events. Hier findet man eine völlig andere, gänzlich unrealistische Fahrphysik vor, als die, an die man sich bei den herkömmlichen Rennen herangetastet hat. Völlig an den Haaren herbeigezogen dreht sich das Auto schon bei knapp 30 km/h um die eigene Achse. Getestet mit einem Lenkrad, war dieser Teil der Karriere völlig unspielbar. Zum Glück macht das aber nur einen kleinen Teil von Shift 2 aus. Kurz bevor ich dann völlig gefrustet zu den anderen Rennen zurück wollte, probierte ich einfach eine Amok-Rückwärtsfahrt durch den zu bedriftenden Kreisel, und innerhalb von weniger als 10 Sekunden hatte ich die erforderlichen 200 Punkte beisammen. Das wird sicherlich nicht im Sinne des Erfinders sein, ist aber wie gesagt egal, weil ich mich erst einmal an den weiteren Rennen und Strecken versuchen wollte, von der es eine Menge gibt.
Die Auswahl der Autos ist zwar nicht so groß wie bei Gran Turismo, aber manchmal ist weniger auch mehr. Ich kenne jedenfalls niemanden, der wirklich ALLE Fahrzeuge bei GT gefahren ist. Dafür glänzt Shift 2 mit einem atmosphärisch dichtem Karrieremodus. Hervorzuheben ist hier der moderierende Rennfahrer, der einen auf die Rennen einstimmt und diverse Punkte erklärt. Das mag zwar nicht jeder Spieler so sehen, ist aber bei weitem nicht so steril wie bei Gran Turismo. Auch die tolle Musikauswahl überzeugt - vor allem, wenn man den Fahrstuhljazz in den Menus von GT inzwischen nur noch ironisch gebrochen ertragen kann.

Wie gesagt, weniger Autos: Dafür sind die Tuningmöglichkeiten beeindruckend. Es macht einen Heidenspaß, seinen Wagen aufzumotzen, auch wenn ich den Eindruck hatte, dass man das für den Spielverlauf nicht wirklich braucht, weil die Gegner mit jedem Tuning-Upgrade ihrerseits ebenfalls besser motorisiert daherkommen und man sich keinen Vorteil ertunen kann. Das hebelt das Spielprinzip Geld zu erwirtschaften, um dann seinen Wagen aufzumotzen ein wenig aus. Das optische Tuning hingegen gehört einfach zur erfolgreichen EA-Serie wie Blut zu 'Mortal Kombat' und ist vor allem eins: Geschmackssache.
Startfeld in Indianapolis: Reifenwechsel verboten!
Grafisch gibt es viel Licht und Schatten. Im Vergleich zum Vorgänger sind grafische Verbesserungen eher marginal zu vermelden, dafür ruckelt es nicht mehr. Die Wagen im Showroom wirken glattgebügelt, bei der Gestaltung der Karossen hat GT eindeutig die Nase vorn. Und auch die Umgebung der an sich gut umgesetzten Rennstrecken, wie beispielsweise Spa-Franchorchamps oder der Nürburgring-Nordschleife, ist relativ steril geraten.

Die neue Helmkamera-Perspektive ist ein interessantes Gimmick und anfangs nett anzuschauen. Man nimmt das Geschehen aus einer virtuellen Helmansicht wahr, die die Fliehkräfte beim Fahren simulieren soll. Allerdings schränkt sie das Sichtfeld doch recht stark ein. So richtig kann Shift 2 seine Stärken ausspielen, wenn man alles an Bildschirmanzeigen ausschaltet und in der Stoßstangenperspektive seine Runden dreht. Hierbei stellt sich ein unglaubliches Geschwindigkeitsgefühl ein. Diesen Rausch hat Shift 2 seinen Konkurrenten eindeutig voraus. Vergessen sind dann auch ganz schnell die oben genannten Mängel. Der Spielspaß steht im Vordergrund und wer achtet schon auf die Umgebung, wenn es darum geht, den Wagen auf der Strecke zu halten?
Der Spielspaß wird weiterhin durch tolle grafische Details gestützt: Die Wucht eines Unfalls ist mitreissend in Szene gesetzt, weil die Ansicht kurzfristig grau und verschwommen wird. Die Reflektionen in der Windschutzscheibe sind in der Cockpitansicht schön anzusehen, der virtuelle Fahrer reagiert im Gegensatz zu GT in Echtzeit auf Lenk- und Schaltbewegungen und bringt dadurch seinerseits mehr Dynamik ins Cockpit. Überhaupt sind die Cockpits an sich detailreicher als bei "Gran Turismo". Ein weiterer Pluspunkt zum Sony-Titel: In der Stoßstangenansicht erscheinen die originalen Instrumente des jeweiligen Boliden und keine langweilige Einheits-Uhrensammlung. Auch ganz toll: Umgefahrene Gegenstände, Bremsspuren und Lackabschürfungen an Banden und Wänden sind auch noch in den Nachfolgerunden zu sehen und behindern manchmal sogar die Weiterfahrt. Hierbei und beim besseren und brachialeren Motorensound grenzt man sich positiv vom Konkurrenzprodukt ab.
Seine Rakete tobte sich im Rotlichtmillieu aus
Eine Frage stellt sich nur wieder einmal: Warum kein Splitscreen-Modus? OK, man kann Shift 2 online nutzen (EAs Autolog). Aber muss ich mir wirklich eine zweite Konsole ins Wohnzimmer stellen, wenn meine Freunde direkt neben mir auf dem Sofa sitzen? Das kann die Konkurrenz besser, beziehungsweise hat eine solche Funktion gnädigerweise implementiert. Wenn eine Simulation schon so viele Arcarde-Elemente beinhaltet, dann schreit das doch geradezu nach Splitscreen-Duellen. Hier hätte man aus oben beschriebenen Nachteilen weiteren Spielspaß generieren können.

Fazit | An einer vollen Punktzahl schrammt Shift 2 nur knapp vorbei. Für sich gesehen ist es ein actiongeladenes Spiel mit hohem Suchtfaktor. Der Spielspaß überwiegt die beschriebenen Mängel. Und Punkte macht Shift 2 Unleashed eindeutig dadurch, dass es so immersiv ist. Man ist mittendrin, krallt sich adrenalingeladen ans Lenkrad bzw. das Gamepad. Daher sollte man nach einem Geschwindigkeitsrausch an der Konsole/ am PC auf keinen Fall am echten Straßenverkehr teilnehmen. Einzig und allein die Tatsache, dass man zu sehr den Anspruch einer Simulation für sich propagiert, dabei aber zu arcarde-lastig ist, führt zu Punktabzug. Im Simulationsbereich ist und bleibt GT das Maß der Dinge. Die Entwickler bei Electronic Arts konnten sich anscheinend nicht so ganz zwischen Fisch und Fleisch entscheiden und komplett aus der hauseigenen Tradition ausbrechen. Aber mal Hand aufs Herz: Welcher Need for Speed-Fan will das schon?   -  Michael Holtschulte

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